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Interviewauszug

 

 

Segelschiff

 

 

 

Ostsee

 

 

 

Sonnenuntergang

 

 

 

Rita Uhlich (Alias)

"Wenn nicht jetzt, wann dann?"
Alternatives Leben auf dem Segelschiff, 1988-1990

Rita Uhlich wurde 1963 als Tochter einer Chemikerin und eines Kunstpädagogen in Flensburg geboren. Sie besuchte zeitweise ein Sportinternat in Eutin, wechselte dann auf eine Gesamtschule, die sie mit der Fachhochschulreife abschloss. Nach der Schule jobbte sie und wohnte in verschiedenen linksalternativen Wohngemeinschaften und Hausprojekten. In Hamburg machte sie eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und arbeitete anschließend in einer Konzertagentur. Nach zwei Jahren gab sie diese Stelle auf, um mit Freunden auf einem selbst ausgebauten Segelschiff zu leben. Die Gruppe finanzierte sich durch „Chartertouren“ für TouristInnen im Mittelmeer und überquerte 1990 den Atlantik. Nach zwei Jahren auf dem Schiff ging Rita Uhlich in die Schweiz, wo sie für kurze Zeit als Serviceangestellte Geld verdiente. Anschließend kehrte sie nach Hamburg zurück und studierte Betriebswirtschaft. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte Rita Uhlich in Hamburg und war als Ökonomin im Bereich der Softwareentwicklung tätig.

 

Historischer Kontext
Linksalternatives Milieu und Mobilität in den 1980er Jahren

In den 1980er Jahren kam es zu einer Pluralisierung der Haushalt- und Familienformen. Das normative Familienleitbild des heterosexuellen Paares, das lebenslang und mit mehreren Kindern in einer Hausgemeinschaft lebte, verlor an Wirkmächtigkeit [1]. Insbesondere Angehörige des linksalternativen Milieus erprobten in Landkommunen, in besetzten Häusern oder - wie im Fall von Rita Uhlich - auf einem Segelschiff neue Formen des Zusammenlebens und entwickelten alternative Wirtschaftsweisen. In basisdemokratischen Prozessen gründeten junge Frauen und Männer - häufig aus Mittelschichtsfamilien stammend - selbstorganisierte Gemeinschaften. Die Projekte hatten vielfach eine Überwindung der Trennung von Arbeit und Freizeit sowie von Kopf- und Handarbeit zum Ziel. Zentral waren Werte wie Ganzheitlichkeit, Solidarität, Kreativität, Authentizität und Selbstbestimmung. Im Kollektiv waren sie auf der Suche nach Selbstfindung und arbeiteten an der Verwirklichung alternativer Entwürfe zu der als spießbürgerlich empfundenen Arbeits- und Leistungsgesellschaft [2].

Die alternativen Gemeinschafts- und Wirtschaftsformen ermöglichten eine Abkehr von gesellschaftlichen Normen wie der Kleinfamilie, der Erwerbsarbeit oder auch der Sesshaftigkeit, wie an Rita Uhlichs Leben auf dem Segelschiff deutlich wird. Mobilität ist hier keine ökonomische Notwendigkeit. Im Gegenteil macht die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Gruppe das Unterwegssein überhaupt erst möglich. Unterstützend wirkten dabei wohl auch die sich verändernden Mobilitätsmuster in den 1980er und 1990er Jahren. Mit der stetig weiter voranschreitenden Massenmotorisierung und der Zunahme von (Fern-)Reisen war die bundesrepublikanische Alltagskultur verstärkt von Mobilität geprägt [3].

 

[1] ↑ Axel Schildt/Detlef Siegfried: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik von 1945 bis zur Gegenwart. München 2009, S. 410.
[2] ↑ Sven Reichardt: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Berlin 2014.
[3] ↑ Schildt/Siegfried, Deutsche Kulturgeschichte, S. 485-504.

 

 

Weltkarte

Werkstat der Erinnerung
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Quellennachweis
Archiv: Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Signatur: FZH/WdE 594
Interviewerin: Claudia Lenz
Interviewtermin: 22.02.1999
Interviewlänge: 3 Std. 8 Min.
Forschungsprojekt: Berufs- und Lebensplanung von Frauen. Zur Bedeutung von Erwerbsarbeit in den Biografien von Frauen. Ein Kooperationsprojekt der FZH mit dem Hamburger Museum für Arbeit (1998/99).
Sammlungsschwerpunkt: Wirtschaft und Arbeit / Berufs- und Lebensplanung von Frauen.


 

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