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Interviewauszug

 

 

 

 

Finca

 

 

Kaffeearbeiter

 

 

Kaffeesäcke

 

Isabell von Siebold (Alias)

"Und sind hier geblieben wegen des Kaffees…"
Deutsche Auswanderer in Costa Rica im 20. Jahrhundert

Isabell von Siebold wurde 1918 in Mecklenburg geboren. Sie wuchs in Schwerin und Hamburg auf. Im Alter von 15 Jahren lernte sie ihren Mann kennen, dessen Familie seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Costa Rica im Kaffeegeschäft tätig war. 1936 heirateten sie und Isabell von Siebold wanderte mit ihrem Mann nach Costa Rica aus. Sie bekamen vier Söhne, lebten auf einer großen Finca, bauten Kaffee an und verarbeiteten diesen in einer eigenen, Beneficio genannten, Aufbereitungsanlage. Im Zweiten Weltkrieg wurde ihre Finca unter Aufsicht gestellt. Anders als die meisten deutschen Kaffeeproduzenten und -händler wurden sie jedoch nicht enteignet. Nach dem Krieg blieben die von Siebolds im Kaffeegeschäft tätig. Zum Zeitpunkt des Interviews bewirtschafteten die Söhne mehrere Kaffee- und Palmölplantagen und betrieben Viehwirtschaft.

 

Historischer Kontext
Deutsche Kaffeeproduzenten in Costa Rica

Im 19. Jahrhundert etablierte sich ein Handelsnetzwerk zwischen costaricanischen Kaffeeanbaugebieten und der Hafenstadt Hamburg. Getragen wurden die Handelsbeziehungen maßgeblich von deutschen Auswanderern, die in Zentralamerika - angezogen vom Geschäft mit dem Kaffee - in der Produktion und dem Export dieses wertvollen Konsumgutes tätig waren. Bis heute sind deutsche Finca-Besitzer und Kaffeehändler in Costa Rica präsent und prägen die Branche, wie auch die Familien- und Lebensgeschichte von Isabell von Siebold zeigt.

Die deutschen Kaffeeproduzenten und -händler bauten in der Emigration ein soziales Netzwerk auf. Durch eine eigene Infrastruktur, deutsche Schulen sowie ein reges Vereins- und Gesellschaftsleben entwickelten sie eine spezifische (ethnische) Gruppenidentität. Weder das Verhältnis zur Aufnahmegesellschaft noch die Beziehungen innerhalb der deutschen Gemeinschaft waren immer spannungsfrei. Insbesondere in Kriegs- und Krisenzeiten - das wird auch in der Erzählung von Isabell von Siebold deutlich - ergaben sich wirtschaftlich und ideologisch bedingte (Macht-)Konflikte. Besonders einschneidend für die deutschen Kaffee-Akteure war der Zweite Weltkrieg. Nicht nur waren die Handelsverbindungen zu Europa unterbrochen. Auf Druck der USA stellte die costaricanische Regierung die Deutschen auch unter stärkere Kontrolle und grenzte sie wirtschaftlich aus, um den Einfluss der erfolgreichen deutschen Kaffee-Elite in Zentralamerika einzuschränken. Von 1941, nach dem Kriegseintritt der USA, bis 1943/44 wurden die meisten Deutschen in Costa Rica enteignet, interniert und teilweise auch repatriiert. Die Familie von Siebold hatte sich der Enteignung entziehen können, da sie schon lange in Costa Rica ansässig war, US-amerikanische Verwandte hatte und gute Verbindungen zu den costaricanischen Eliten pflegte [1].

 

[1] ↑ Christiane Berth: Biografien und Netzwerke im Kaffeehandel zwischen Deutschland und Zentralamerika 1920-1959. Hamburg 2014.

 

 

Weltkarte

Werkstat der Erinnerung
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Quellennachweis
Archiv: Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Signatur: FZH/WdE 1771
Interviewerin: Christiane Berth
Interviewtermin: 01.06.2006
Interviewlänge: 52 Min.
Forschungsprojekt: "Kaffeewelten. Handel, Verarbeitung und Konsum von Kaffee im 20. Jahrhundert" der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg.
Publikation: Christiane Berth: Biografien und Netzwerke im Kaffeehandel zwischen Deutschland und Zentralamerika 1920-1959. Hamburg 2014. Sammlungsschwerpunkt: Wirtschaft und Arbeit / Kaffeewelten

 

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