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Kathrin Offen-Klöckner

"Ich wollte weg…"
Als Au-Pair in einem schweizerischen Haushalt, 1969

Kathrin Offen-Klöckner wurde 1950 geboren. Ihr Vater arbeitete als landwirtschaftlicher Verwalter, später als Fahrer in einer Tapetenfabrik. Ihre Mutter war Hausfrau. Gemeinsam mit drei Schwestern wuchs sie in einem Dorf im Rheinland auf. Dort besuchte sie die Volksschule und absolvierte eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Textilgeschäft. In ihrer Freizeit war sie im Sportverein aktiv und leistete einmal pro Monat freiwilligen Dienst in einem Krankenhaus. Diese Tätigkeit weckte in ihr den Wunsch, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen. Zuvor wollte sie jedoch ins Ausland gehen. Durch Vermittlung einer Bekannten, die sie auf einer Urlaubsreise kennengelernt hatte, ging sie 1969 für ein Jahr als Au-Pair-Mädchen in die Schweiz. Sie kam in eine Familie in der Nähe von Zürich, wo sie den Haushalt besorgte und die Kinder betreute.

Kathrin Offen-Klöckner beschreibt ihren Schweizaufenthalt im Interview als wichtiges „Findungsjahr“. Die Arbeit als Hausangestellte entsprach jedoch nicht ihren beruflichen Wünschen und so begann sie 1970 eine Ausbildung zur Krankenschwester in Hamburg. Nach dem Abschluss fand sie eine Stelle im Krankenhaus Altona und engagierte sich in der Gewerkschaft sowie in der Friedens- und der Antiatomkraftbewegung. Über ihre politische Tätigkeit lernte sie ihren späteren Ehemann, einen Krankenpflegehelfer und Medizinstudenten, kennen. 1974 nahm sie ein Studium mit Schwerpunkt Sozialpsychologie an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik auf. Anschließend studierte sie in Bremen Sozialwissenschaften. Nebenher arbeitete sie weiterhin zeitweise als Krankenschwester. Seit 1990 ist Kathrin Offen-Klöckner im Stadtteilarchiv Ottensen und im Segelverein tätig.

 

Historischer Kontext
Weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland in die Schweiz

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert herrschte in der Schweiz ein großer Mangel an Hausangestellten. Die vielen offenen Stellen im Haushalt wurden zum Großteil mit Migrantinnen besetzt. Bis weit in die 1960er Jahre hinein stammte mehr als die Hälfte der ausländischen „Dienstmädchen“ aus Deutschland und Österreich. Insbesondere in Kriegs- und Krisenzeiten wurde dort die Frauenemigration als erwünscht eingestuft – und teilweise staatlich gefördert. Zudem war die Migration von jungen Frauen zur Arbeit im Privathaushalt gesellschaftlich akzeptiert.

Bei den Schweizer Hausfrauen erfreuten sich die Deutschen großer Beliebtheit. Sie galten als besonders arbeitsam und anspruchslos. Auf der Suche nach einem „fleißigen“ Mädchen inserierten die Arbeitgeberinnen deshalb vielfach in deutschen Zeitungen oder baten ihre ehemaligen Angestellten, in ihrem Bekanntenkreis nach einer Nachfolgerin zu suchen. Frauen, die bereits in der Schweiz (gewesen) waren, zogen ihre Verwandten und Freundinnen nach. Dieses als Kettenmigration bekannte Phänomen bot vielen jungen Deutschen die Möglichkeit von zu Hause fortzukommen – unter anderen auch Kathrin Offen-Klöckner, die von einer Bekannten in die Schweiz vermittelt wurde. Auf der Suche nach einem Abenteuer, nach einer Bildungsmöglichkeit, nach einem besseren Verdienst oder – wie Kathrin Offen-Klöckner – nach Selbstbestimmung, kamen jährlich Zehntausende deutsche Frauen in die Schweiz. Obwohl viele von ihnen in anderen Berufen qualifiziert waren, wurden sie in der Schweiz zu Hausangestellten. Aus Angst vor einer „Überfremdung des Arbeitsmarktes“ erteilte die Fremdenpolizei nur Aufenthaltsbewilligungen für sogenannte Mangelberufe wie den Hausdienst [1].

 

[1] ↑ Andrea Althaus: Vom Glück in der Schweiz? Weibliche Arbeitsmigration aus Deutschland und Österreich 1920-1965 (erscheint 2017 in der Reihe "Geschichte und Geschlechter" des Campus Verlags).

 

 

Weltkarte

Werkstat der Erinnerung
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Quellennachweis
Archiv: Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Signatur: FZH/WdE 582
Interviewerin: Alexandra Lübcke
Interviewtermin: 30.10.1998
Interviewlänge: 3 Std. 48 Min.
Forschungsprojekt: Berufs- und Lebensplanung von Frauen. Zur Bedeutung von Erwerbsarbeit in den Biografien von Frauen. Ein Kooperationsprojekt der FZH mit dem Hamburger Museum für Arbeit (1998/99).
Sammlungsschwerpunkt: Wirtschaft und Arbeit / Berufs- und Lebensplanung von Frauen


 

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