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Interviewauszug

 

 

 

In der Ausstellung

 

 

 

 

Schulklasse

Jenny Marmorstein

"Und ich bin dann nach England gekommen..."
Flucht als Hausangestellte nach London, 1939

Jenny Marmorstein wurde 1920 als jüngstes von drei Kindern in eine jüdische Familie in Hamburg geboren. Ihr Vater arbeitete als Lehrer an der Talmud Tora Schule, einem jüdischen Gymnasium. Ihre Mutter war bis zur Hochzeit ebenfalls als Lehrerin tätig gewesen. Die Familie war religiös-orthodox und lebte im jüdisch geprägten Grindelviertel. Jenny Marmorstein besuchte die Israelitische Töchterschule Karolinenstraße. Ihre Freizeit verbrachte sie zum Großteil in der jüdischen Gemeinde und in zionistisch geprägten Jugendorganisationen. In ihrer Jugend erlebte sie zunehmend antisemitische Übergriffe und Diskriminierungen. Neben Beschimpfungen auf dem Schulweg trafen sie die zunehmenden Verbote am öffentlichen und kulturellen Leben teilzunehmen – beispielsweise das Verbot der Bücherausleihe oder das Badeverbot – besonders hart. Nicht-jüdische Freundinnen zogen sich zunehmend von ihr zurück und etliche der jüdischen Freundinnen wanderten mit ihren Familien aus. Nach Abschluss der Schule besuchte Jenny Marmorstein 1936 einen zweijährigen Gärtnerkurs im Hachschara-Heim auf der Wilhelminenhöhe, einer Ausbildungsstätte für Jugendliche, die nach Palästina auswandern wollten. Die angestrebte Auswanderung ließ sich jedoch aufgrund der beschränkten Zuwandererquoten für Palästina nicht verwirklichen. Während der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde einer ihrer Brüder von der Polizei verhaftet. Um ihn freizubekommen, mussten sie seine bevorstehende Emigration nach Holland nachweisen. In der Folge intensivierte die Familie auch die Auswanderungsversuche für die restlichen Familienmitglieder. Jenny Marmorstein konnte im April 1939 mit einem Domestic Permit, einer Aufenthaltsgenehmigung für Hausangestellte, nach London ausreisen, wo bereits eine Tante und ein Onkel von ihr lebten. Die Eltern folgten einige Monate später. Ihr nach Holland vertriebener Bruder wurde von dort deportiert und ermordet. Dem anderen Bruder, der in Polen studierte, gelang die Flucht nach Shanghai. In England arbeitete Jenny Marmorstein zunächst als Hausangestellte, später als Gärtnerin. Nebenher besuchte sie Abendkurse und bildete sich im Bereich Literatur und Sprachen weiter. Nach dem Krieg studierte sie an der Londoner School of Oriental Studies Hebräisch und Arabisch. 1947 lernte sie ihren späteren Ehemann, einen Radioreporter, kennen. Sie heirateten und bekamen sechs Kinder. Als die Kinder aus dem Haus waren, arbeitete Jenny Marmorstein als Übersetzerin für Hebräisch und Deutsch. Nach dem Tod ihres Mannes absolvierte sie in den 1990er Jahren noch ein Universitätsstudium der Geschichte und Literatur. Zum Zeitpunkt des Interviews lebte sie in London.

 

Historischer Kontext
Das Domestic Permit

Das Domestic Permit, die britische Arbeitserlaubnis für ausländische Hausangestellte, wurde Ende der 1930er Jahre zum Fluchtdokument für rund 20.000 jüdische Frauen aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. In England war der Bedarf nach ausländischen "Dienstmädchen" aufgrund eines chronischen Hausangestelltenmangels groß. Dies ermöglichte jungen Jüdinnen im Rahmen einer Arbeitsmigration in Großbritannien Zuflucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung zu finden. Wie Jenny Marmorstein waren viele dieser Frauen vor ihrer Flucht nicht als Hausangestellte tätig gewesen. Sie stammten häufig aus bürgerlichen Familien, hatten vor der erzwungenen Emigration vielleicht selber Hausangestellte beschäftigt und waren in anderen Berufen tätig gewesen. In England mussten sie als "Dienstmädchen" arbeiten. Dies bedeutete für viele zwar einen sozialen Abstieg, aber die Arbeit in Privathaushalten, die neben einem Barlohn auch mit Kost und Logis vergütet wurde, sicherte ihren Lebensunterhalt. Im Gegensatz zu allen anderen jüdischen Flüchtlingen, die in der NS-Zeit nach Großbritannien kamen, waren die Hausangestellten die einzigen, die einer bezahlten Beschäftigung nachgehen durften [1].

 

[1] ↑ Traude Bollauf: Dienstmädchen-Emigration. Die Flucht jüdischer Frauen aus Österreich und Deutschland nach England 1938/39. Wien 2011.

 

 

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Werkstat der Erinnerung
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Quellennachweis
Archiv: Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Signatur: FZH/WdE 608
Interviewer: Uwe Kaminsky
Interviewtermin: 03.06.1999
Interviewlänge: 1 Std. 46 Min.
Publikation: Lina Nikou: "Gott wird uns schon helfen." Jenny Marmorstein. Als Haushaltshilfe nach Großbritannien, in: Linde Apel u.a. (Hg.): Aus Hamburg in alle Welt. Lebensgeschichten jüdischer Verfolgter aus der "Werkstatt der Erinnerung". Hamburg 2011, S. 100-115.
Sammlungsschwerpunkt:
Verfolgung im Nationalsozialismus / Juden  

 

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