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Interviewauszug

 

 

 

Magdeburg

 

 

 

 

 

Grenzgänger

Melanie Hütter (Alias)

"Und hab mir überlegt, irgendwie in den Westen zu kommen…"
Aus der sowjetischen Besatzungszone nach Hamburg, 1948

Melanie Hütter wurde 1923 geboren und wuchs als älteste Tochter von vier Kindern in Magdeburg auf. Ihre Mutter war russischer Herkunft, ihr Vater arbeitete als Polier auf dem Bau und war überzeugter Kommunist. Nach der Schule und dem "Pflichtjahr" begann sie eine kaufmännische Lehre. Bevor sie diese abschließen konnte, wurde sie jedoch zur Arbeit in einer Munitionsfabrik verpflichtet. Aufgrund eines Konflikts mit dem Vorarbeiter – sie hatte Zwangsarbeitern Lebensmittel zukommen lassen und sich geweigert Nachtdienste zu leisten – wurde sie 1943 von der Gestapo verhaftet. Vom örtlichen Gefängnis kam sie ins KZ Ravensbrück, dann in das Jugendschutzlager Uckermark und schließlich ins KZ Bergen-Belsen, wo sie im April 1945 die Befreiung durch britische Truppen erlebte. Aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes wurde sie nach Kriegsende nach Schweden zur Erholung gebracht. 1946 kehrte sie nach Magdeburg zurück. Zu Hause fühlte sie sich nicht mehr wohl, insbesondere weil sie mit niemandem über ihre Verfolgungserfahrung habe sprechen können. Zudem gab es im sowjetisch besetzten Magdeburg in der Nachkriegszeit nur wenige Arbeitsmöglichkeiten. Melanie Hütter entschied sich deshalb 1948 dafür, alleine "in den Westen" zu gehen. Versteckt auf einem tschechischen Lastkahn fuhr sie auf der Elbe nach Hamburg. In Hamburg war sie zunächst ein Jahr lang als Hausangestellte in einem Privathaushalt beschäftigt und arbeitete anschließend bis zu ihrer Eheschließung in einem Modeatelier und bei einem Juwelier. 1955 heiratete sie den Besitzer eines Möbelgeschäfts. Sie bekamen eine Tochter und führten 26 Jahre lang gemeinsam das Geschäft.

 

Historischer Kontext
Abwanderung aus der Sowjetischen Besatzungszone 1945-1949

Von 1949 bis 1990 verließen fast vier Millionen Menschen ohne Genehmigung der Behörden die DDR. Das unter dem Namen "Republikflucht" bekannte Phänomen setzte nicht erst nach der Gründung der DDR ein. Bereits seit 1945 wanderten viele Menschen ohne behördliche Erlaubnis aus der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) ab. Dazu gehörten neben Großgrundbesitzern und Beamten, die aufgrund von Bodenreformen und Entnazifizierung Land oder Arbeit verloren hatten, insbesondere viele Frauen auf der Suche nach Arbeit oder persönlichem Glück. Bis 1952 wurde diese Ost-West-Fluchtbewegung in der SBZ/DDR wenig beachtet und kaum problematisiert. Zum einen ermöglichte sie Konflikte im Umgang mit politischen Gegnern zu vermeiden, zum anderen war die Versorgungslage der Bevölkerung - in Ost und West - so angespannt, dass gerade die Auswanderung von Frauen, die als ökonomisch "inaktive Bevölkerungsteile" galten, nicht besonders bedauert wurde [1]. Da eine Abwanderung ohne Genehmigung trotzdem strafbar war, wurden Wege gesucht, die Grenzkontrollen zu umgehen - wie etwa Melanie Hütter, die die sowjetische Besatzungszone illegal auf einem Elbschiff verließ.
In der westdeutschen Gesellschaft anzukommen, die in den späten 1940er Jahren ebenso unter Wohnraum- und Nahrungsmittelmangel litt, war für die Flüchtlinge nicht einfach. Für Frauen bot sich, wie Melanie Hütter dies beschreibt, die Möglichkeit als Hausangestellte zu arbeiten. In der Nachkriegszeit stieg die Zahl der im Hausdienst Beschäftigten an, da durch eine Arbeit im Privathaushalt nicht nur Geld verdient werden konnte, sondern auch Kost und Unterkunft gesichert waren. So wurden in der BRD 1950 noch mehr als eine halbe Million Hausangestellte gezählt [2].

 

[1] ↑ Damian van Melis/Henrik Bispinck (Hg.): "Republikflucht". Flucht und Abwanderung aus der SBZ/DDR, 1945 bis 1961. München 2006, S. 19-45, hier S. 25.
[2] ↑ Mareike Witkowski: Ein Relikt des 19. Jahrhunderts? Hausgehilfinnen von 1918 bis in die 1960er Jahre, in: Archiv für Sozialgeschichte, 54 (2014), S. 147–168, hier: S. 162.

 

 

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Quellennachweis
Archiv: Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg
Signatur: FZH/WdE 299
Interviewerin: Ulrike Jureit
Interviewtermin: 05.01.1995
Interviewlänge: 2 Std. 20 Min.
Sammlungsschwerpunkt: Verfolgung im Nationalsozialismus / "Asoziale"

 

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